
Am 27. Mai 1676 (nach julianischem Kalender)1 starb in Lübben im Spreewald mit Paul Gerhardt der populärste Dichter im Evangelischen Gesangbuch. 69 Jahre vorher, am 12. März 1607 war er in Gräfenheinichen geboren worden, hatte die Fürstenschule in Grimma durchlaufen, wo Katechismus und lutherische Dogmatik den Schulalltag geprägt hatten. Aus den anschließenden 15 Jahren Theologiestudium in Wittenberg wissen wir wenig.
1643 wurde Gerhardt Hauslehrer in Berlin. Der Strom seiner schließlich 137 Lieder floss da schon. Von Anfang an stand er als Dichter fertig da, ein Meister der deutschen Sprache. Doch für die Veröffentlichung tat er nichts. Das besorgte Johann Crüger, Kantor der Berliner Nicolaikirche, in dessen Gesangbuch „Praxis pietatis melica“ („musikalische Übung der Frömmigkeit“) von 1647 bereits 18 Gerhardt-Lieder zu finden waren. 1651 trat Gerhardt die erste eigene Pfarrstelle südlich von Berlin in Mittenwalde an, heiratete Anna Maria Berthold, die er seit seiner Hauslehrerzeit kannte. Von ihren fünf Kindern starben vier ganz jung. 1658 wurde Gerhardt dritter Pfarrer an St. Nicolai in Berlin, nun Wand an Wand mit Crüger. Die 10. Auflage der „Praxis pietatis melica“ von 1661 enthielt sage und schreibe 90 Gerhardt-Lieder! Nach dem Tod Crügers 1662 setzte sein Nachfolger Johann Georg Ebeling die Zusammenarbeit mit Gerhardt fort. Er veröffentlichte 1666/67 eine Gesamtausgabe mit 120 Gerhardtliedern.
Man könnte mit Gerhardtliedern fast ein ganzes Gesangbuch zusammenstellen, Lieder zu Tageslauf, Kirchenjahr und Lebensbogen. Die poetischen Regeln der „Deutschen Poeterey“ des Martin Opitz von 1624 laufen mit selbstverständlicher Leichtigkeit. 56 verschiedene Strophenformen finden wir bei Gerhardt. In seinen Liedern bleiben theologische Substanz, poetische Kunstfertigkeit und Volkstümlichkeit beieinander. Crüger ist ihm darin mit seinen Melodien kongenial. Fest verankert in der lutherischen Theologie seiner Zeit formuliert Gerhardt Dogmatik im Sprachgewand persönlicher Erfahrung des Glaubens. Seine Trostlieder sind Dokumente durchgearbeiteter Trauerprozesse.
Im Konflikt mit dem Großen Kurfürsten, bei dem es um Toleranz zwischen Lutheranern und der reformierten Minderheit in Preußen ging, verweigerte Gerhardt die Unterschrift unter die Verpflichtung auf Toleranz gegenüber den Reformierten. Er wurde entlassen und bewarb sich auf die erste Pfarrstelle in Lübben. Zu allem Unglück starb seine Frau 1668 an Tuberkulose, von den fünf Kindern war zu dieser Zeit nur noch der sechsjährige Paul Friedrich am Leben. 1669 zog Gerhardt um nach Lübben, aber der Dichter war stumm geworden. Am 7. Juni 1676 wurde er im Chorraum der Lübbener Kirche beigesetzt.
Pfr. i.R. Prof. Bernhard Leube
1 Anmerkung der Redaktion: Nach gregorianischem Kalender ist es der 6. Juni 1676.