23. März 2026: 100. Todestag von Marie Regine Josenhans (23.03.1926)

Soziales Engagement und weibliche Partizipation

Marie Regine Josenhans wurde am 14. November 1855 in Stuttgart als jüngste Tochter des Rotgerbermeisters Johann Daniel Josenhans (1789–1877) und seiner zweiten Ehefrau Christine Hitzelberger (1821–1872) geboren. Aufgewachsen in einer bürgerlichen Familie mit fünfzehn Geschwistern und Halbgeschwistern, erlebte sie früh familiäre Verluste und entwickelte ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein für ihre Mitmenschen. Ihre schulische Ausbildung erhielt sie in einem Pensionat am Genfersee in der Schweiz, ergänzt durch Klavier- und Gesangsunterricht, der sie später zu öffentlichen Auftritten im Stuttgarter Königsbau führte.

Nach einer gelösten Verlobung blieb Marie Josenhans unverheiratet und widmete ihr Leben sozialem Engagement. Um 1890 arbeitete sie ehrenamtlich im „Leonhards Gemeindeverein Stuttgart“ und betreute Kinder, Kranke und bedürftige Arbeiter im sozial schwachen, engbesiedelten Bohnenviertel. Durch ihren unermüdlichen Einsatz erhielt sie den Ehrentitel „Engel des Bohnenviertels“. In ihrem elterlichen Haus richtete sie eine Kleider- und Möbelkammer sowie eine Arbeitsvermittlung ein. Im Jahr 1913 war sie an der Gründung der „Leonhardskrippe“ beteiligt, einer bis heute bestehenden Ganztageseinrichtung für Kinder.

Wohnhaus der Familie Josenhans am Schellenturm in Stuttgart
Wohnhaus der Familie Josenhans am Schellenturm in Stuttgart

Württembergisches Königshaus unterstützte Josenhans`soziale Projekte 

Im Zuge der Industrialisierung verschlechterten sich die Lebensbedingungen vieler Menschen zunehmend, insbesondere der alleinstehender Frauen. Ihr Onkel Joseph Friedrich Josenhans (1812–1884), Inspektor der Basler Mission, übte großen Einfluss auf Marie aus. Früh hatte er erkannt, dass die Notwendigkeit bestand, Frauenvereine zu gründen. In diesem Sinne engagierte sich Marie Josenhans, um auf diesem Wege eine Verbesserung der Lebensverhältnisse der Frauen zu erreichen, noch lange bevor staatliche Sozialstrukturen etabliert waren. Mit persönlichem Einsatz verband sie ihre Tätigkeit in der praktischen Armenfürsorge mit öffentlichem Engagement. So bekam sie beispielsweise aus dem Vermächtnis der Familie Schill 5.000 Mark, die sie eigenverantwortlich für die Armenfürsorge verteilen sollte. Auch verfügte sie, dass das eventuell vorhandene eigene Vermögen nach ihrem Tod der Armenfürsorge zugutekommen sollte.

Ebenso betätigte sie sich schriftstellerisch und war überaus erfolgreich. Ab 1906 veröffentlichte sie realistisch-humorvolle Erzählungen über das Leben im Bohnenviertel – etwa „Meine alten Weiblein“ (1906) und „Meine kleinen Freunde“ (1910), die mehrfache Neuauflagen erlebten. Deren Erlös ermöglichte es ihr, verschiedenste soziale Projekte zu finanzieren. Ihre Arbeit wurde sogar vom damaligen König Wilhelm II. und seiner Gattin Königin Charlotte gewürdigt und unterstützt, was ihr zusätzliches gesellschaftliches Gewicht und Anerkennung verlieh.

Grab von Marie Regine Josenhans auf dem Stuttgarter Pragfriedhof
Grab von Marie Regine Josenhans auf dem Stuttgarter Pragfriedhof

Maßgeblicher Beitrag zur Professionalisierung der Armenfürsorge in Stuttgart

Ein Jahr nach Einführung des allgemeinen Frauenwahlrechts im Jahre 1918 wurde Marie Josenhans als eine der ersten vier Frauen in den Stuttgarter Gemeinderat gewählt. Als Mitglied der Württembergischen Bürgerpartei setzte sie sich in der damaligen Zeit erfolgreich für die öffentliche Anerkennung und Finanzierung der Armenfürsorge ein. Trotz zunehmender politischer Marginalisierung der Frauen in der Politik blieb sie bis zu ihrem Tod am 23. März 1926 im Gemeinderat und in kirchlichen Gremien aktiv, unter anderem als erste Frau im Kirchengemeinderat der Leonhardskirche und als Schöffin in der Zentralleitung für Wohltätigkeit. Marie Josenhans starb im Alter von 70 Jahren an einem Herzversagen. Ihre Grabstätte auf dem Stuttgarter Pragfriedhof wurde unter Denkmalschutz gestellt und ist bis heute als kulturhistorisch erhaltenswert gewürdigt.

Marie Regine Josenhans steht exemplarisch für das soziale und politische Engagement bürgerlicher Frauen im Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik. Sie verband individuelle Mildtätigkeit mit institutioneller Reformarbeit und trug zur Professionalisierung der Armenfürsorge in Stuttgart maßgeblich bei.

Dr. Jakob Eisler

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