Mit der Veranstaltungsreihe „Metamorphosen – zwei verknüpfende Wochen“ gab es in der Evangelischen Stadtkirchengemeinde Bad Cannstatt einen Ort zum Reden und Zuhören. Im Interview erzählt der geschäftsführende Pfarrer Alexander Stölzle, was das Metamorphosen-Projekt auszeichnet und was unter der eigenen unabwendbaren Wandelbarkeit zu verstehen ist. Die Veranstaltungsreihe „Metamorphosen - zwei verknüpfende Wochen“ ist Teil der Initiative #VerständigungsOrte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der Diakonie Deutschland und der „midi – Zukunftswerkstatt von Kirche und Diakonie“.

Warum ist Ihr Projekt ein #VerständigungsOrt?
Alexander Stölzle: „Metamorphosen – zwei verknüpfende Wochen“ haben mit einer Kunstinstallation (Kokons und Wandgemälde) und den vier Veranstaltungen einen Raum geschaffen, in dem Menschen aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen des Stadtteils miteinander über das Thema „Transformation“ ins Gespräch kommen und dabei im Kirchenraum Erfahrungen, Hoffnungen und Irritationen teilen konnten. Durch Kunstinstallationen, Gottesdienste, Gesprächsformate und Impulse entstand ein Ort, an dem Menschen erleben: Veränderung ist nichts Außergewöhnliches. Veränderung ist möglich, wenn wir uns aufeinander einlassen. Ein #VerständigungsOrt ist für mich ein Raum, der Transformation nicht nur thematisiert, sondern Verwandlung gleichermaßen bewirkt – im Denken, im Hören, im Miteinander. Genau das geschieht in unserem Metamorphosen-Projekt.
Wieso ist es Ihnen wichtig, einen #VerständigungsOrt anzubieten?
Stölzle: Unsere Stadtkirche steht mitten im urbanen Raum und begegnet täglich einer vielfältigen Stadtgesellschaft. Politische Themen, wie die geplante Installation eines Maßregelvollzugs und die Umnutzung einer Klinik als Flüchtlingsheim haben neben all den anderen ökonomischen Disruptionen große Spaltungen in der Stadtgesellschaft hervorgerufen. Allgemein gesprochen erleben wir, wie sehr Menschen nach Orientierung, Resonanz und Gespräch suchen – gerade in einer Zeit, in der Diskurse oft verhärten.
Als Kirche möchten wir nicht nur predigen, sondern zuhören. Wir möchten Orte gestalten, an denen Dialog, Verletzlichkeit, spirituelle Tiefe und gesellschaftliche Fragen zusammenkommen. Als Kirche haben wir die einzigartige Möglichkeit, am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen und gleichsam einen Raum für jenen bereitzustellen, ohne sich dabei positionieren zu müssen (ein sog „dritter Raum“). Diese moderierende Funktion ist eine große Stärke. Ein #VerständigungsOrt ist für uns gelebte Form von Kirche in der Stadt und gleichzeitig ein Angebot, miteinander Nächstenliebe und Gemeinschaft einzuüben.

Kam es auch tatsächlich zu Kontroversen, die man für alle Beteiligten konstruktiv bearbeiten konnte? Kommt es zu „Verständigung“? Was verstehen Sie bei Ihrem Gesprächsformat konkret unter „Verständigung"?
Stölzle: Ja, Kontroversen entstanden – aber auf eine fruchtbare Weise. Zunächst einmal war es für viele irritierend, eine in den Kirchenraum eingreifende Form von Kunst (herabhängende Kokons) wahrzunehmen. Noch dazu eine, die anregt, sich mit dem Tod und der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen – eine Raupe muss erst sterben, um zum Schmetterling zu werden. Verständigung hieß bei diesem Format, dass wir uns nicht nur über die eigene Endlichkeit bewusst werden, sondern diese als einen Baustein eines existenziell-persönlichen Transformationsprozess begreifen. Diese existenzielle Einsicht in die eigene unabwendbare Wandelbarkeit wurde folglich durch Gottesdienste, Impulse und Podiumsdiskussionen auf eine gesellschaftliche Ebene abstrahiert. Verständigung heißt in diesem Fall: „weil wir begriffen haben, dass wir als Menschen die Wandlung von der Wiege bis zu Bare (und darüber hinaus) nicht aufhalten können, stellen wir uns mutig dem gesellschaftlichen Wandel, der gleichsam unabwendbar ist“.
Kirche und Diakonie setzen sich angesichts von Krisen, Polarisierung und Populismus für mehr Verständigung ein. Die Initiative #VerständigungsOrte – Wir. Reden. Hier. der EKD, der Diakonie Deutschland und der "midi – Zukunftswerkstatt von Kirche und Diakonie" ermutigt alle Gemeinden und Einrichtungen von Kirche und Diakonie dazu, Räume für Gespräche zu öffnen und Menschen mit unterschiedlichen Ansichten zum Austausch einzuladen.

Haben Sie praktische Tipps, wie man – auch aus christlicher Haltung heraus – angesichts von Krisen, Polarisierung und Populismus wieder ins Gespräch kommen kann?
Stölzle: Ja, Kirche kann einen politisch neutralen, wenngleich nicht apolitischen „dritten Raum“ bieten, der unter den Bedingungen christlicher Gesprächs- und Diskursethik den Nächsten in den Mittelpunkt rückt und Menschen, die sich gegnerisch bis feindlich gegenüberstehen, zum Dialog bewegt.
Aus unseren Erfahrungen haben sich folgende Bedingungen herauskristallisiert:
Was würden Sie anderen empfehlen, die auch einen #VerständigungsOrt anbieten möchten?
Stölzle: Beginnen Sie nicht mit der Frage „Wie überzeuge ich andere?“, sondern mit: „Wie schaffen wir Raum?“
Kirchengemeinden sind herzlich eingeladen, Texte wie diesen von www.elk-wue.de in ihren eigenen Publikationen zu verwenden, zum Beispiel in Gemeindebriefen. Sollten Sie dabei auch die zugehörigen Bilder nutzen wollen, bitten wir Sie, per Mail an kontakt@
Was es mit der Kirchensteuer auf sich hat, wie sie bemessen wird und welche positiven Effekte die Kirchen mit der Kirchensteuer an vielen Stellen des gesellschaftlichen Lebens erzielen, erfahren Sie auf www.kirchensteuer-wirkt.de.
