Lebenserfahrung inklusive

Die Berufsbegleitende Ausbildung im Pfarrdienst (BAiP)

Pfarrerin oder Pfarrer werden, ohne Theologiestudium? Das geht, mit der Berufsbegleitenden Ausbildung im Pfarrdienst (BAiP). Wer diesen Weg einschlägt und was dieser beinhaltet, das erklärt Pfarrerin Anja Wessel, Studienleiterin im Pfarrseminar. 

Pfarrerin Anja Wessel, Studienleiterin am Pfarrseminar
Pfarrerin Anja Wessel, Studienleiterin am Pfarrseminar

Wie wird man mit der Berufsbegleitenden Ausbildung im Pfarrdienst (BAiP) Pfarrerin oder Pfarrer?

Anja Wessel: Die BAiP ist eine Form der dualen Ausbildung, bei der die Pfarrerinnen und Pfarrer in Ausbildung (i.A.) mit der Versehung einer Pfarrstelle beauftragt werden und dann in zweieinhalb Jahren berufsbegleitend an Kursen und anderen Begleitformaten teilnehmen, die inhaltlich von der zuständigen Studienleitung am Pfarrseminar verantwortet werden. Die Ausbildung endet mit einer Anstellungsprüfung und der Feststellung der Eignung für den Pfarrdienst. 

Wer schlägt diesen Weg ein? 

Anja Wessel: Diesen Weg schlagen in der Regel Personen ein, die kein universitäres Studium der Theologie vorweisen können, sich jedoch als hauptamtliche kirchliche Mitarbeitende bewährt haben und in besonderer Weise eine Eignung für den Pfarrdienst erkennen lassen. Meist haben sie eine theologische Hochschulausbildung absolviert. Die größte Gruppe sind Diakoninnen und Diakone. Entsprechend müssen die Personen vom Dekanat oder der Leitung der entsprechenden Einrichtung vorgeschlagen werden und durchlaufen dann ein umfangreiches landeskirchliches Auswahlverfahren. Wer sich für die BAiP entscheidet, muss motiviert sein, Neues zu lernen und sich auf einen grundlegenden Rollenwechsel vorzubereiten sowie Freude an theologischer Reflexion haben.

Was bringen diese Pfarrerinnen und Pfarrer besonders für ihre Tätigkeit mit? 

Anja Wessel: In der Regel bringen diese Pfarrpersonen, wie schon erwähnt, eine hohe Motivation mit. Außerdem kennen sie aus anderen Berufsfeldern die kirchlichen Strukturen, sind oft bestens vernetzt und arbeiten gerne und gut in Teams. Außerdem haben sie einen reichen Erfahrungsschatz, was kirchliche Praxis, aber auch Lebenserfahrung angeht.

Wie lange gibt es diese Möglichkeit schon? Können Sie schon aus Erfahrungen der so ausgebildeten Pfarrerinnen und Pfarrer in der Praxis berichten? 

Anja Wessel: Das genaue Anfangsdatum konnte ich nicht ausfindig machen. Belegt ist dieser Zugang bereits 1935 mit dem Ziel, als „Gehilfe im Pfarramt“ verwendet zu werden. Daraus ergab sich die Bezeichnung „Pfarramtlicher Hilfsdienst“. Im Jahr 1948 wurde ein „Kirchliches Gesetz über Geistliche mit nichtakademischer Vorbildung“ erlassen und eine kirchliche Anstellungsprüfung für diese Personengruppe eingeführt, mit deren Bestehen die Bewerbung auf ständige Pfarrstellen möglich wurde. Im Juli 1949 fand die erste Anstellungsprüfung statt. Im Jahr 2006 erfolgte die Umbenennung in „Berufsbegleitende Ausbildung im Pfarrdienst“ (BAiP).

Ich begleite jetzt den vierten Ausbildungsjahrgang der BAiP und weiß von den mittlerweile ständig gewordenen Personen der BAiP, dass sie in aller Regel sehr gut in den Dienst hineingefunden haben und trotz der herausfordernden Ausbildungszeit den Schritt nicht bereut haben. Inzwischen habe ich etliche Kolleginnen und Kollegen kennengelernt, deren Ausbildung teilweise schon viele Jahre zurückliegt, und die sehr gerne Pfarrerinnen und Pfarrer sind. Die stärkere Praxisorientierung dieses Personenkreises ist im Zusammenwirken mit dem regulären Zugang über das Theologiestudium und Vikariat ein großer Gewinn für den Pfarrdienst und die Gemeinden. Gerade in den Veränderungsprozessen bringen die Pfarrpersonen aus der BAiP Flexibilität, Kreativität und ein gutes Maß an Pragmatismus mit.

 

 

Pfarrerin oder Pfarrer werden: Welche Wege gibt es? 

Die Zugänge zum Pfarrdienst in der Ev. Landeskirche in Württemberg gibt es:

1. Regelzugang in den Pfarrdienst der Landeskirche ist das Theologiestudium an der Evangelisch-theologischen Fakultät einer Universität (Grundständiges Studium). Nach der ersten Evangelisch-theologischen Dienstprüfung, dem ersten Examen, folgt der zweite Teil der Ausbildung: Der Vorbereitungsdienst (Vikariat) in einer Kirchengemeinde, begleitet von Kursen am Pfarrseminar unserer Landeskirche. Dieses wird mit der zweiten Evangelisch-theologischen Dienstprüfung, dem sogenannten zweiten Examen, abgeschlossen.

2. Ein weiterer Weg (Quereinstieg), um sich für den Pfarrdienst zu qualifizieren, führt über gesonderte Masterstudiengänge in Frankfurt, Greifswald, Heidelberg, Mainz oder Tübingen ins Vikariat. Dieser Weg ist für diejenigen konzipiert, die bereits ein anderes Studium absolviert und mindestens fünf Jahre Berufserfahrung in ihrem Beruf gemacht haben. Ein weiterer Zugang wird momentan in enger Abstimmung mit der kirchlichen Hochschule Neuendettelsau entwickelt.

3. Die Berufsbegleitende Ausbildung im Pfarrdienst (BAiP) steht Personen offen, die sich im Dienst der evangelischen Kirche, ihrer Diakonie oder Mission oder in eng mit der Landeskirche verbundenen Werken und Diensten bewährt haben (siehe Interview oben) und nicht über eine der beiden zuvor aufgeführten Voraussetzungen verfügen.

4. Nicht selten gibt es Wechsel als fertig ausgebildete, ordinierte Pfarrperson von einer ev. Landes- oder Auslandskirche in den Pfarrdienst in Württemberg.

Die ev. Landeskirche in Württemberg verfügt damit über das EKD-weit breiteste Feld an Zugängen zum Pfarrdienst.

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