19.01.2026

„Metamorphosen - zwei verknüpfende Wochen“: Veranstaltungsreihe in Bad Cannstatt als #VerständigungsOrt

Wir möchten Orte gestalten, an denen Dialog, Verletzlichkeit, spirituelle Tiefe und gesellschaftliche Fragen zusammenkommen.

Mit der Veranstaltungsreihe „Metamorphosen – zwei verknüpfende Wochen“ gab es in der Evangelischen Stadtkirchengemeinde Bad Cannstatt einen Ort zum Reden und Zuhören. Im Interview erzählt der geschäftsführende Pfarrer Alexander Stölzle, was das Metamorphosen-Projekt auszeichnet und was unter der eigenen unabwendbaren Wandelbarkeit zu verstehen ist. Die Veranstaltungsreihe „Metamorphosen - zwei verknüpfende Wochen“ ist Teil der Initiative #VerständigungsOrte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der Diakonie Deutschland und der „midi – Zukunftswerkstatt von Kirche und Diakonie“.

Alexander Stölzle, geschäftsführender Pfarrer der Ev. Stadtkirchengemeinde Bad Cannstatt
Alexander Stölzle, geschäftsführender Pfarrer der Ev. Stadtkirchengemeinde Bad Cannstatt

Warum ist Ihr Projekt ein #VerständigungsOrt?

Alexander Stölzle: „Metamorphosen – zwei verknüpfende Wochen“ haben mit einer Kunstinstallation (Kokons und Wandgemälde) und den vier Veranstaltungen einen Raum geschaffen, in dem Menschen aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen des Stadtteils miteinander über das Thema „Transformation“ ins Gespräch kommen und dabei im Kirchenraum Erfahrungen, Hoffnungen und Irritationen teilen konnten. Durch Kunstinstallationen, Gottesdienste, Gesprächsformate und Impulse entstand ein Ort, an dem Menschen erleben: Veränderung ist nichts Außergewöhnliches. Veränderung ist möglich, wenn wir uns aufeinander einlassen. Ein #VerständigungsOrt ist für mich ein Raum, der Transformation nicht nur thematisiert, sondern Verwandlung gleichermaßen bewirkt – im Denken, im Hören, im Miteinander. Genau das geschieht in unserem Metamorphosen-Projekt.

Wieso ist es Ihnen wichtig, einen #VerständigungsOrt anzubieten?

Stölzle: Unsere Stadtkirche steht mitten im urbanen Raum und begegnet täglich einer vielfältigen Stadtgesellschaft. Politische Themen, wie die geplante Installation eines Maßregelvollzugs und die Umnutzung einer Klinik als Flüchtlingsheim haben neben all den anderen ökonomischen Disruptionen große Spaltungen in der Stadtgesellschaft hervorgerufen. Allgemein gesprochen erleben wir, wie sehr Menschen nach Orientierung, Resonanz und Gespräch suchen – gerade in einer Zeit, in der Diskurse oft verhärten.
Als Kirche möchten wir nicht nur predigen, sondern zuhören. Wir möchten Orte gestalten, an denen Dialog, Verletzlichkeit, spirituelle Tiefe und gesellschaftliche Fragen zusammenkommen. Als Kirche haben wir die einzigartige Möglichkeit, am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen und gleichsam einen Raum für jenen bereitzustellen, ohne sich dabei positionieren zu müssen (ein sog „dritter Raum“). Diese moderierende Funktion ist eine große Stärke. Ein #VerständigungsOrt ist für uns gelebte Form von Kirche in der Stadt und gleichzeitig ein Angebot, miteinander Nächstenliebe und Gemeinschaft einzuüben.

VerständigungsOrt Metamorphosen - Bad Cannstatt_IMG_9591_Ralf Kaudel

Kam es auch tatsächlich zu Kontroversen, die man für alle Beteiligten konstruktiv bearbeiten konnte? Kommt es zu „Verständigung“? Was verstehen Sie bei Ihrem Gesprächsformat konkret unter „Verständigung"?

Stölzle: Ja, Kontroversen entstanden – aber auf eine fruchtbare Weise. Zunächst einmal war es für viele irritierend, eine in den Kirchenraum eingreifende Form von Kunst (herabhängende Kokons) wahrzunehmen. Noch dazu eine, die anregt, sich mit dem Tod und der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen – eine Raupe muss erst sterben, um zum Schmetterling zu werden. Verständigung hieß bei diesem Format, dass wir uns nicht nur über die eigene Endlichkeit bewusst werden, sondern diese als einen Baustein eines existenziell-persönlichen Transformationsprozess begreifen. Diese existenzielle Einsicht in die eigene unabwendbare Wandelbarkeit wurde folglich durch Gottesdienste, Impulse und Podiumsdiskussionen auf eine gesellschaftliche Ebene abstrahiert. Verständigung heißt in diesem Fall: „weil wir begriffen haben, dass wir als Menschen die Wandlung von der Wiege bis zu Bare (und darüber hinaus)  nicht aufhalten können, stellen wir uns mutig dem gesellschaftlichen Wandel, der gleichsam unabwendbar ist“.

#VerständigungsOrte

Kirche und Diakonie setzen sich angesichts von Krisen, Polarisierung und Populismus für mehr Verständigung ein. Die Initiative #VerständigungsOrte – Wir. Reden. Hier. der EKD, der Diakonie Deutschland und der "midi – Zukunftswerkstatt von Kirche und Diakonie" ermutigt alle Gemeinden und Einrichtungen von Kirche und Diakonie dazu, Räume für Gespräche zu öffnen und Menschen mit unterschiedlichen Ansichten zum Austausch einzuladen.

Bei der Podiumsdiskussion (v.l.n.r.): Alexander Stölzle (Stadtpfarrer), Stephanie Abben (Künstlerin), 
Ralf Kaudel (Geist&Geld e.V.), Katrin Steinhülb Joos MdL (SPD-Landtagsabgeordnete für Bad Cannstatt), Bernd-Marcel Löffler (Bezirksvorsteher Stuttgart-Bad Cannstatt)
Bei der Podiumsdiskussion (v.l.n.r.): Alexander Stölzle (Stadtpfarrer), Stephanie Abben (Künstlerin), Ralf Kaudel (Geist&Geld e.V.), Katrin Steinhülb Joos MdL (SPD-Landtagsabgeordnete für Bad Cannstatt), Bernd-Marcel Löffler (Bezirksvorsteher Stuttgart-Bad Cannstatt)

Haben Sie praktische Tipps, wie man – auch aus christlicher Haltung heraus – angesichts von Krisen, Polarisierung und Populismus wieder ins Gespräch kommen kann?

Stölzle: Ja, Kirche kann einen politisch neutralen, wenngleich nicht apolitischen „dritten Raum“ bieten, der unter den Bedingungen christlicher Gesprächs- und Diskursethik den Nächsten in den Mittelpunkt rückt und Menschen, die sich gegnerisch bis feindlich gegenüberstehen, zum Dialog bewegt.

Aus unseren Erfahrungen haben sich folgende Bedingungen herauskristallisiert:

  • Radikal zuhören: Nicht um zu antworten, sondern um zu verstehen.
  • Die eigene Verletzlichkeit zeigen: Das entwaffnet Härte und schafft Vertrauen.
  • Räume ohne sofortige Bewertung schaffen: Manchmal brauchen Menschen erst Worte, bevor sie Positionen entwickeln.
  • Spirituelle Rituale nutzen: Musik, Stille, Gebet oder symbolische Handlungen können Gesprächsräume öffnen, die rational allein nicht zugänglich sind.
  • Mut zur Langsamkeit: Gute Gespräche brauchen Zeit – und die Bereitschaft, Zwischentöne wahrzunehmen.
    Diese Haltungen sind zutiefst christlich: Gott spricht uns an, indem er uns zuerst hört.

Was würden Sie anderen empfehlen, die auch einen #VerständigungsOrt anbieten möchten?

Stölzle: Beginnen Sie nicht mit der Frage „Wie überzeuge ich andere?“, sondern mit: „Wie schaffen wir Raum?“

  • Sorgen Sie für eine Atmosphäre, die Schönheit, Ruhe und Wertschätzung ausstrahlt. Ästhetik ist ein Türöffner.
  • Rechnen Sie mit Konflikten – und scheuen Sie sie nicht.
  • Verstehen Sie den „Ort“ nicht nur räumlich, sondern relational: Er entsteht erst, wenn Menschen sich zeigen dürfen.
  • Und schließlich: Haben Sie den Mut, den Prozess offen zu lassen. Verständigung ist kein fertiges Produkt, sondern eine Haltung.

Hinweis für Kirchengemeinden

Kirchengemeinden sind herzlich eingeladen, Texte wie diesen von www.elk-wue.de in ihren eigenen Publikationen zu verwenden, zum Beispiel in Gemeindebriefen. Sollten Sie dabei auch die zugehörigen Bilder nutzen wollen, bitten wir Sie, per Mail an kontaktdontospamme@gowaway.elk-wue.de nachzufragen, ob die Nutzungsrechte für den jeweiligen Zweck vorliegen. Gerne können Sie alle Bilder nutzen, die Sie im Pressebereich unserer Webseite finden. Sie möchten in Ihrem Schaukasten auf unsere Webseite verlinken? Hier erfahren Sie, wie Sie dafür einen QR-Code erstellen können. 

Schon gewusst?

Was es mit der Kirchensteuer auf sich hat, wie sie bemessen wird und welche positiven Effekte die Kirchen mit der Kirchensteuer an vielen Stellen des gesellschaftlichen Lebens erzielen, erfahren Sie auf www.kirchensteuer-wirkt.de.

Grafik Kirchensteuer wirkt Bildung

Weitere Meldungen, die Sie interessieren könnten

Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July zeichnete beim Reformationsempfang des Kirchenkreises Stuttgart ein hoffnungsvolles Bild von der urbanen Kirche der Zukunft.

Die urbane Kirche der Zukunft

Wie kann Kirche in den Städten auch künftig für die Menschen relevant bleiben? Beim Reformationsempfang des Kirchenkreises Stuttgart im Vorfeld des Reformationstags am 31. Oktober hat Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July seine Antwort auf die Frage nach einer urbanen Kirche skizziert.

Weiterlesen

Landesbischof July

„Auf Hoffnung und Erlösung vertrauen“

Bei einer Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll zu Ehren von Jürgen Moltmann hat Landesbischof Dr. h. c. Frank-Otfried July die Aktualität von Moltmanns Theologie betont. Auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, nahm an der Tagung teil.

Weiterlesen

Pfarrer Johannes Reinmüller ist in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg für „Innovatives Handeln und neue Aufbrüche“ zuständig.

„Frage der Haltung und Offenheit“

Im Projekt „Innovatives Handeln und neue Aufbrüche“ berät Dr. Johannes Reinmüller zehn landeskirchliche Projekte – von Tourismuskirche und Mission über Diakonie und Jugendkirche bis zur Schöpfungsspiritualität. Im Tempo-Interview haben wir ihm 19 schnelle Fragen rund um Innovation gestellt.

Weiterlesen

Inklusives Wegeleitsystem

Zum „Welttag des Sehens“ hat die Evangelische Hochschule Ludwigsburg ein „Inklusives Wegeleitsystem“ vorgestellt. Eine Smartphone-App hilft Menschen mit und ohne Einschränkungen bei der Navigation auf dem Campus. Die Zielführung reicht bis in einzelne Räume – und zu den Kaffeemaschinen.

Weiterlesen

Das Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags hat das Motto für den Kirchentag 2023 gewählt.

Motto des nächsten Kirchentags gewählt

„Jetzt ist die Zeit“ - unter diesem biblischen Motto steht der 38. Evangelische Kirchentag 2023 in Nürnberg. Das Präsidium des Kirchentags hat diese Losung aus mehreren Vorschlägen ausgewählt. Zum neuen Präsidenten des kirchlichen Großevents wurde Thomas de Maizière gewählt.

Weiterlesen

Seit vielen Jahren wird Hanna Josua von Ehefrau Heidi Josua in der evangelisch-arabischen Gemeinde unterstützt.

Über 30 Jahre Einsatz für Integration

Begegnung ermöglichen und Vorurteile abbauen: Pfarrer Hanna Josua hat die erste arabisch-evangelische Gemeinde innerhalb einer Landeskirche gegründet, Neuzuwanderer unterstützt und sie zur Integration in die Kirchengemeinden vor Ort ermutigt. Am 17. Oktober wird Josua in den Ruhestand verabschiedet.

Weiterlesen

Farbschwäche:

Benutzen Sie die Schieberegler oder die Checkboxen um Farbeinstellungen zu regulieren

Einstellungen für Farbschwäche

Schrift:

Hier können die Schriftgröße und der Zeilenabstand eingestellt werden

Einstellungen für Schrift

Schriftgröße
D
1
U

Zeilenabstand
Q
1
W

Tastenkombinationen:

Mit den aufgeführten Tastenkombinationen können Seitenbereiche direkt angesprungen werden. Verwenden Sie auch die Tabulator-Taste oder die Pfeiltasten um in der Seite zu navigieren.

Inhalt Tastenkombinationen

Hauptnavigation: M
Toolbar Menü: T
Inhalt: C
Footer: F
Barrierefreiheit: A
Hauptnavigation: M
Toolbar Menü: T
Inhalt: C
Footer: F
Schriftgröße +: U
Schriftgröße -: D
Zeilenabstand +: W
Zeilenabstand -: Q
Nachtmodus : Alt (Mac Option Key) + J
Ohne Bilder: Alt (Mac Option Key) + K
Fokus: Alt (Mac Option Key) + G
Tasten­kombinationen: Alt (Mac Option Key) + O
Tastensteuerung aktivieren: Alt (Mac Option Key) + V
Alles zurücksetzen: Alt (Mac Option Key) + Y