18.06.2026

Starke Nachfrage nach Beratung rund um die Kriegsdienstverweigerung

Interview: Friedenspfarrer Stefan Schwarzer über seine Beratungsarbeit

Bis zu 20 junge Menschgen berät Pfarrer Stefan Schwarzer pro Monat in der Frage der Kriegsdienstverweigerung - zehnmal mehr als noch vor zwei Jahren. Schwarzer ist mit einem 50-prozentigen Stellenanteil Friedenspfarrer der württembergischen Landeskirche, mit weiteren 50 Prozent ist er Pfarrer der Reutlinger City-Kirche. Hier erzählt Schwarzer von seiner Beratungsarbeit mit jungen Menschen.

Friedenspfarrer Stefan Schwarzer
Friedenspfarrer Stefan Schwarzer

Wie viele Beratungen führen Sie durch?

Pfarrer Stefan Schwarzer: Die Zahl der Beratungsanfragen ist 2025 stark gestiegen. Ende des Jahres war ich bei gut zehn bis 20 Beratungen im Monat – statt zwei bis drei im Jahr zuvor. 2026 läuft das etwa auf diesem hohen Niveau weiter.

Wer wendet sich an Sie?

Pfarrer Stefan Schwarzer: 2022 mit Ausbruch des Ukrainekrieges baten zunächst vor Allem Reservisten um Beratung, 40, 50, 60 Jahre alt, die als junge Menschen Wehrdienst geleistet hatten und jetzt verweigern wollten. Das ist nicht unkompliziert, denn Sie müssen klar begründen, was sich seit damals verändert hat. Inzwischen melden sich nur noch sehr sporadisch Reservisten oder Soldaten und Soldatinnen, die im Zuge ihrer Berufsausübung Gewissensprobleme bekommen. Dafür haben wir in unserem EKD-Netzwerk jemand, der sich an der Stelle gut auskennt. Bei mir melden sich inzwischen fast nur noch junge Menschen von 17 Jahren bis Ende 20 und bei den Minderjährigen oft auch die Eltern. Etwa die Hälfte kommt aus kirchlichen Kontexten. 

Was bewegt die jungen Menschen?

Pfarrer Stefan Schwarzer: In den gesellschaftlichen Debatten nehmen die jungen Menschen wahr: Es kann auch mich betreffen, wenn es hier zum Verteidigungs- oder gar zum Spannungsfall kommt. Wenn ich Wehrdienst leiste, werde ich möglicherweise einen Kampfbefehl bekommen. In der Begründung der Verweigerung kommt dann sehr vieles raus, was mich oft auch persönlich berührt, etwa wenn junge Menschen schreiben: Von früh auf habe ich von meinen Eltern, meinen Großeltern gelernt, Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Sie erzählen Familiengeschichten, erzählen von Jugendgruppen, von kirchlicher Arbeit, von Engagement in Rettungsdiensten. Für mich ist völlig klar: Diese Menschen wollen sich nicht drücken, weil sie auf irgendwas keinen Bock haben oder so. In vielen Begründungen steht: Ich kann diesen Wehrdienst und womöglich Kampfhandlungen aus Gewissensgründen nicht leisten. Aber ich bin bereit, etwas anderes zu tun, wie beim klassischen Zivildienst.

Was ist das Ziel Ihrer Beratung?

Pfarrer Stefan Schwarzer: Uns in der EKD ist wichtig, dass wir in der Beratung ergebnisoffen sind. Wir sind kein Anti-Bundeswehr-Verein. Wir sagen den jungen Menschen nicht: Geh da auf keinen Fall hin! Sondern wir erklären, was die Möglichkeit bedeutet, nach Grundgesetz Artikel vier aus Gewissensgründen den Wehrdienst zu verweigern.  Viele fragen: Was ist denn das mit dem Gewissen? Woher weiß ich, was mein Gewissen mir sagt? Und dann sind wir mittendrin in der seelsorgerlichen Arbeit, da gebe ich keine fertigen Antworten, sondern versuche, mit den Menschen rauszufinden: Was passt und stimmt für dich?

Und dabei kann am Ende auch stehen, dass jemand sagt: Okay, ich leiste den Wehrdienst. Und wer verweigern will, den beraten wir, wie das geht.

Wo liegen die Grenzen Ihrer Beratung?

Pfarrer Stefan Schwarzer: Es gibt Fragen, die ich nicht beantworten kann, etwa wenn jemand fragt, ob er mit einer bestimmten Diagnose ausgemustert wird. Das kann ich als Nicht-Mediziner nicht beurteilen. Auch spezifisch juristischen Beistand kann ich nicht leisten. Wenn ein Antrag abgelehnt wird und es darum geht, Rechtsmittel einzulegen, können wir nicht mehr weiterhelfen, denn wir sind keine Juristen. Wir haben aber als EKD-Netzwerk natürlich Kontakte von Juristen, die an dieser Stelle weitermachen.

Wie vertraulich sind die Beratungsgespräche mit Ihnen?

Pfarrer Stefan Schwarzer: Absolut vertraulich. Viele vertrauen sich mir wirklich an und erzählen mir Dinge, die sie ganz bestimmt noch nicht vielen Menschen gesagt haben. Als Pfarrer habe ich Schweigepflicht. Die Gespräche stehen unter dem juristisch garantierten Seelsorgegeheimnis. In diesem geschützten und deshalb sehr offenen Gespräch können sie sich selber auf die Spur zu kommen: Was ist das, was mich bewegt?

Welche Rolle spielt das spezifisch Christliche in Ihren Beratungsgesprächen?

Pfarrer Stefan Schwarzer: Das ist nicht so, also würde man verabreden: Jetzt unterhalten wir uns mal über den Glauben. Aber im Gespräch scheint dann oft etwas hervor, spezifisch christlich oder in einem weiteren Sinn religiös oder spirituell. Man spricht auch über Ängste vor Krieg, vor Krankheit, vor dem allem, was unsere Welt bedroht. Solche Gespräche kann ich als Christenmensch mir gar nicht anders denken als im Licht des Glaubens.

Welche Rückmeldungen erhalten Sie?

Pfarrer Stefan Schwarzer: Die Rückmeldungen, die ich bekomme, sind immer dankbarer Natur. Es ist mir immer eine besonders Freude, wenn Menschen, die bisher mit Kirche keine positiven oder auch gar keine Erfahrungen gemacht haben, mitnehmen, dass Kirche sie hilfreich begleitet hat. 

Das Gespräch führte Mario Steinheil

Kriegsdienstverweigerung – So geht’s!

Die Landeskirche in den sozialen Netzwerken

Instagram @elkwue - Newskanal der Landeskirche

Externer redaktioneller Inhalt

Hier wird Ihnen ein externer redaktioneller Inhalt bereitgestellt. Sofern Sie sich diesen anzeigen lassen, kann es sein, dass Daten von Ihnen an den Anbieter des externen Inhaltes gesendet werden.

Hinweis für Kirchengemeinden

Kirchengemeinden sind herzlich eingeladen, Texte wie diesen von www.elk-wue.de in ihren eigenen Publikationen zu verwenden, zum Beispiel in Gemeindebriefen. Sollten Sie dabei auch die zugehörigen Bilder nutzen wollen, bitten wir Sie, per Mail an kontaktdontospamme@gowaway.elk-wue.de nachzufragen, ob die Nutzungsrechte für den jeweiligen Zweck vorliegen. Gerne können Sie alle Bilder nutzen, die Sie im Pressebereich unserer Webseite finden. Sie möchten in Ihrem Schaukasten auf unsere Webseite verlinken? Hier erfahren Sie, wie Sie dafür einen QR-Code erstellen können. 

Schon gewusst?

Was es mit der Kirchensteuer auf sich hat, wie sie bemessen wird und welche positiven Effekte die Kirchen mit der Kirchensteuer an vielen Stellen des gesellschaftlichen Lebens erzielen, erfahren Sie auf www.kirchensteuer-wirkt.de.

Grafik Kirchensteuer wirkt Begleitung und Gottesdienst

Weitere Meldungen, die Sie interessieren könnten

Der Sonntagsgottesdienst – für viele Menschen ein geschätzter Termin in der Woche. Andere Gläubige wünschen sich alternative Formate und Zeiten.

Sonntagsgottesdienst: Ja oder nein?

„Ist der Gottesdienst am Sonntagvormittag ein Auslaufmodell? Was sind Alternativen?“ hatte elk-wue.de auf Social Media gefragt. Was diesen Gottesdienst heute prägt, was alternativ möglich ist und ein Statement von Landesbischof Gohl lesen Sie hier.

Weiterlesen

TV-Tipp: Nein zur Prostitution

Aus Geldnot war Anna Schreiber zwei Jahre lang Prostituierte. Heute engagiert sie sich gegen Prostitution. Unter welchem Druck stehen betroffene Frauen? Wie können sie den Ausstieg schaffen? Darüber spricht Moderatorin Heidrun Lieb mit ihren Gästen bei "Alpha & Omega".

Weiterlesen

„Nein zum Hass! Ja zur Liebe!“

Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Baden-Württemberg mahnt in einer Stellungnahme zum Tag des Grundgesetzes am 23. Mai an, das friedliche Zusammenleben in unserem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat beizubehalten.

Weiterlesen

Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit wählen

Kirchen im Land rufen zur Wahl auf

Die vier großen Kirchen in Baden-Württemberg rufen in ihrem gemeinsamen Pfingstwort alle Bürgerinnen und Bürger dazu auf, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen und für Demokratie und Menschenrechte zu stimmen.

Weiterlesen

Tag der weltweiten Kirche 2024

Die württembergische Landeskirche und der Internationale Konvent christlicher Gemeinden in Württemberg laden für Pfingstmontag zum Tag der weltweiten Kirche nach Stuttgart ein. Motto des Tages: "Brücken statt Mauern". Hier finden Sie alle Informationen zum Programm.

Weiterlesen

Ein Nagelkreuz als Zeichen der Versöhnung

Ein Kreuz aus Coventry, bestehend aus drei Nägeln, ist seit Jahrzehnten ein Symbol für die Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg und den Sinn von Friedensarbeit. Dieser Idee fühlen sich auch in Württemberg sechs Nagelkreuzzentren verpflichtet.

Weiterlesen

Farbschwäche:

Benutzen Sie die Schieberegler oder die Checkboxen um Farbeinstellungen zu regulieren

Einstellungen für Farbschwäche

Schrift:

Hier können die Schriftgröße und der Zeilenabstand eingestellt werden

Einstellungen für Schrift

Schriftgröße
D
1
U

Zeilenabstand
Q
1
W
Tastenkombinationen:

Mit den aufgeführten Tastenkombinationen können Seitenbereiche direkt angesprungen werden. Verwenden Sie auch die Tabulator-Taste oder die Pfeiltasten um in der Seite zu navigieren.

Inhalt Tastenkombinationen

Hauptnavigation: M
Toolbar Menü: T
Inhalt: C
Footer: F
Barrierefreiheit: A
Hauptnavigation: M
Toolbar Menü: T
Inhalt: C
Footer: F
Schriftgröße +: U
Schriftgröße -: D
Zeilenabstand +: W
Zeilenabstand -: Q
Nachtmodus : Alt (Mac Option Key) + J
Ohne Bilder: Alt (Mac Option Key) + K
Fokus: Alt (Mac Option Key) + G
Tasten­kombinationen: Alt (Mac Option Key) + O
Tastensteuerung aktivieren: Alt (Mac Option Key) + V
Alles zurücksetzen: Alt (Mac Option Key) + Y