11.05.2026

150. Jahresfest der Karlshöhe Ludwigsburg

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl predigte im Festgottesdienst 

„Weil menschlich so viel möglich ist“ – unter diesem Motto feiert die Ludwigsburger Karlshöhe 2026 ihr Jubiläumsjahr. Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl sprach im Gottesdienst beim 150. Karlshöher Jahresfest am 10. Mai über die Bedeutung der Karlshöhe für die Menschen mit Hilfebedarf und als Ort der Diakonenausbildung. 

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl (Archivbild)
Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl (Archivbild)

Predigt des Landesbischofs über Mk 2,1-5 im Jubiläumsgottesdienst „150 Jahre Karlshöhe“ am 10.05.2026: 

„Liebe Festgemeinde!

Nur noch wenige Meter zum Ziel. Bald haben sie’s geschafft. Doch als die vier Freunde um die letzte Ecke biegen, erschrecken sie: Der Hof vor dem Haus ist restlos überfüllt. Dicht an dicht stehen sie. Darunter viele Kranke. Die Menschentraube reicht bis auf die Straße. Schnell ist ihnen klar. Da kommen wir niemals rein. Schweiß gebadet stehen sie da. War alle Mühe umsonst? Enttäuschung macht sich breit. Doch plötzlich haben sie eine Idee: Es gibt noch einen anderen Weg zum Ziel. 

Heute ist auch die Karlshöher Kirche gut gefüllt. Denn heute feiern wir gemeinsam Gottesdienst und wir feiern an diesem Wochenende ein großes Jubiläum: 150 Jahre Stiftung Karlshöhe Ludwigsburg. 

Für viele Menschen mit Hilfebedarf ist dieser Ort ein Segen. Und in unserer Landeskirche hat die Karlshöhe auch eine besondere Bedeutung: als Ort der Diakonenausbildung, seit 2014 als landeskirchliches Zentrum Diakonat. Viele Diakoninnen und Diakone sind heute hier. Aber auch viele Menschen, die die Stiftung Karlshöhe und den Freundeskreis unterstützen. 

Doch zurück zu den vier Männern. Der Zugang ins Haus durch den üblichen Weg ist unmöglich. Sie finden einen neuen. Die vier steigen aufs Dach. Das Dach besteht aus Schilfblättern, die auf den Holzbalken liegen und mit Lehm bedeckt sind. Die vier machen sich ans Werk und klopfen den Lehm ab. So legen sie eine große Stelle frei. Dann nehmen sie Seile, knoten sie an die Liege, auf der ihr Freund liegt und lassen sie vorsichtig zu Boden - Zentimeter um Zentimeter. 

Da liegt er direkt vor den Füßen des Mannes aus Nazareth. Das war echte Maßarbeit. Zufrieden schauen die vier durch das Loch nach unten. 

Die Freunde haben das ihre getan. Mehr können und müssen sie nicht tun. Sie haben den Freund aus ihrer Hand gegeben – in die Hände Jesu und der versammelten Menschen. Und am Ende steht der Gelähmte auf und trägt seine Liege selbst. 

Eine wirklich erstaunliche Geschichte! Weder der Hausbesitzer protestiert, als die vier sein Dach ruinieren. Auch die versammelte Menge im Haus protestiert nicht, die trotz der gebotenen Vorsicht sicher das eine oder andere Lehmstückchen abbekommen hat. Wir hören auch keinen Protest von den anderen Kranken und denen, die jetzt plötzlich nicht mehr so nah bei Jesus sind. Man hat fast den Eindruck, als wolle jeder sagen: Ja, so muss es sein! Und dieses Einverständnis reicht weiter, es umschließt auch die ebenso erstaunlichen Worte Jesu. Ich lese aus dem Markusevangelium im 2. Kapitel (Mk 2,1-5): 

Und nach etlichen Tagen ging Jesus wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war. Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort. Und es kamen einige, die brachten zu ihm einen Gelähmten, von vieren getragen. Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, gruben es auf und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag. Da nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. 

Unerwartet für die damals, wie uns heute sagt Jesus: „Mein Sohn, Dir sind Deine Sünden vergeben“. Damit meint Jesus nicht, dass Krankheit oder Einschränkung die Strafe für Sünden seien. So denken Menschen. Gott nicht. Unsere Erzählung zeigt: Jesus geht’s um den Menschen. Ob dieser Mensch laufen kann, oder nicht spielt keine Rolle. 

Schauen wir nochmals auf diese Geschichte: Vier Freunde helfen einem Fünften.

Das gibt es – Gott sei Dank – in Familien, unter Freunden, in der Nachbarschaft. In Gemeinden. In Diakonischen Einrichtungen wie der Karlshöhe. Und das braucht es immer wieder: Dass Menschen füreinander da sind. Einander helfen. „Weil menschlich so viel möglich ist“. So lautet das Motto für dieses Jubiläumsjahr.

Wenn ich an die letzten 150 Jahre hier auf der Karlshöhe in Ludwigsburg denke, spricht unsere Geschichte auch von den Diakoninnen und Diakonen, die hier ausgebildet und zu ihrem Dienst ausgesandt wurden. 

Die „Evangelische Brüder- und Kinderanstalt Karlshöhe“ wurde am 6. November 1876 gegründet. Schnell wuchs die Karlshöhe, die nach dem württembergischen König Karl benannt wurde. Vorbild war das Rauhe Haus des großen Sozialreformers Johann Hinrich Wichern aus Hamburg. Wichern gilt heute als Vater der modernen Diakonie. Für ihn war die Notlage von Waisenkindern, von Alkoholikern und anderen Suchtkranken ein Problem einer ganzen Gesellschaft, der er mit seinem Programm der „Inneren Mission“ begegnete. Wichern dachte das diakonische Handeln in drei konzentrischen Kreisen. Die erste und nächste Hilfe geschah in der Familie, die zweite in den Gemeinden und erst im dritten Kreis vollzog sich das Hilfehandeln in der ganzen Gesellschaft. 

Das Besondere an der Stiftung Karlshöhe Ludwigsburg war, dass von Beginn an die Menschen, die den Notleidenden helfen sollten, mitgedacht wurden. 

Hier wurden Diakone ausgebildet, die sich zu einem Brüderverband zusammenschlossen. Bis heute werden Diakoninnen und Diakone hier in der Karlshöher Kirche berufen. Und die evangelische Hochschule liegt nicht nur in Sichtweite, sondern – aufgrund der gemeinsamen Wurzel – auch in guter Nachbarschaft. Und die Karlshöhe selbst ist bis heute Ausbildungsbetrieb für unterschiedliche Berufen. Und auch Studierende arbeiten hier in ihren Praxissemestern oder im Rahmen des dualen Studiums der sozialen Arbeit in einem der vielen Bereichen. 

Die vier Männer, die den Gelähmten zu Jesus bringen, sind in ihrem Handeln tatkräftig und unerschrocken. Sie sagen: Wenn wir durch die Tür nicht reinkommen, nehmen wir den Weg übers Dach! Sie sind keativ und lösungsorientiert. Echte Diakoniker halt. Denn auch heute gilt es, Barrieren zu überwinden, die Menschen davon abhalten, Teil zu haben. Nicht nur räumliche, sondern auch die Barrieren in unseren Köpfen. 

Die Geschichte von der Heilung des Gelähmten zeigt, was eine Diakonin bzw. ein Diakon nach seinem Selbstverständnis ist: Die Präambel des im letzten Jahr neu konzipierten Diakonengesetz unserer Landeskirche formuliert es so: „Mit diesem diakonischen Dienst übernimmt die Kirche die Verantwortung dafür, dass alle Menschen das Evangelium und darin Gottes liebende Zuwendung erfahren“ und weiter heißt es: „In ihrer Arbeit bezeugen Diakoninnen und Diakone die in Jesus Christus sichtbar gewordene Liebe Gottes. Sie helfen damit Menschen durch Wort und Tat, ihr Leben aus Gottes Hand anzunehmen“. Getragen wird die diakonische Arbeit hier auf der Karlshöhe und an vielen anderen Orten von der Überzeugung, dass Gott, wie es im Leitbild der Karlshöhe heißt, „jeden Menschen als seinem Ebenbild unzerstörbare Würde gegeben hat“. 

Nicht immer hat die Wirklichkeit diesem Ideal standgehalten. 1933 begrüßten viele Diakone der Karlshöhe den Nationalismus und sahen in Hitler den Führer in eine messianische Zeit. Auch diese Seite gehört zu den 150 Jahren. Das macht die vor 30 Jahren vom Karlshöher Diakonieverband veröffentlichte Dokumentation zur Karlshöher Bruderschaft in der Zeit des Dritten Reiches deutlich. Nur wenige waren so klarsichtig wie Bruder Immanuel Rieker, der schon 1933 warnte: „Wir wollen doch nicht nur das Rauschen der Zeit, sondern auch die Stimmen und den Willen unseres Gottes hören“. 

Deshalb zurück zu Gottes Wort und den fünf Freunden: Es heißt einfach: „Da Jesus ihren Glauben sah“ 

Wessen Glauben? 

Den Glauben der vier: Dass sie den Gelähmten aufgelesen haben, eine schwere Trage schleppten, das Dach aufschlugen und den Gelähmten direkt vor die Füße Jesus legen konnten. All diese Geduld, Fantasie, Ausdauer und Kraft fasst unsere Geschichte in die dürren Worte zusammen: „Da Jesus ihren Glauben sah.“ 

Dass es vier Menschen gibt, die für den Gelähmten eintreten – und das heißt Glauben aufbringen –, das macht unsere Geschichte zu einer Hoffnungsgeschichte. Das erinnert uns daran, was eine Gemeinde in Wahrheit lebendig macht: 

Nicht ihre Gebäude, nicht ihre Geschichte, sondern zwei oder drei vier Menschen, die sich im Namen Jesu versammeln und sich stellvertretend für alle vom Zugang zu Jesus nicht abbringen lassen, weil sie in ihrem Glauben nicht bloß an ihr persönliches Heil denken, sondern für andere Menschen, die in ihrem Zweifel oder ihrer Trägheit oder ihrem Schmerz wie gelähmt sind, mit glauben. Dieser Glaube macht jeden Christen zu einem priesterlichen Menschen, auch ohne Ordination und Weihe.

Fünf Menschen. Einer von ihnen braucht Hilfe.

Jeder Menschen braucht Hilfe – irgendwann. Wir alle sind angewiesen auf andere Menschen. Aufeinander.

Das Markusevangelium erzählt von vier Menschen, die zum diakonischen Vorbild taugen. Sie sehen – wie es im Vorwort des Leitbilds der Karlshöhe heißt – „Wo Not ist – und was notwendig ist“. Sie arbeiten zusammen. Wissen aber auch um die Grenzen ihres Einsatzes und legen den Erfolg ihres Tuns in Gottes Hand. 

Welche Entlastung und welche Ermutigung!  - 

„Weil menschlich so viel möglich ist!“

Amen." 

Hintergrund: 

Die Stiftung Karlshöhe Ludwigsburg steht seit ihrer Gründung im Jahr 1876 für diakonisch-innovative Angebote und gelebte christliche Nächstenliebe. Im Jahr 1876 wurde das erste Kinderheim auf der Karlshöhe in Betrieb genommen. 1879 folgte die erste Senioreneinrichtung. Rund 720 Mitarbeitende setzen sich ein für Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen, Seniorinnen und Senioren, Kinder und Jugendliche sowie für Personen mit besonderen sozialen Problemen und psychischen Erkrankungen. www.karlshoehe.de. 

Die Karlshöhe ist auch Ort der Diakonenausbildung, seit 2014 als landeskirchliches Zentrum Diakonat. 
 

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