05.05.2026

"Dass Krieg ein schmutziges Geschäft ist und wie ideologische Verblendung den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdet"

Interview mit Dr. Claudius Kienzle, Leiter des Evangelischen Archivs Baden und Württemberg, zu Erkenntnissen aus den Kriegschroniken

Vor einem Jahr hat das Evangelische Archiv Baden und Württemberg (EABW) aus seinem Bestand hunderte historische Kriegschroniken württembergischer Kirchengemeinden online zugänglich gemacht – einzigartige Zeitzeugnisse zur Kriegs- und Nachkriegszeit im deutschen Südwesten. Zahlreiche württembergische Pfarrer dokumentierten in diesen Texten die letzten Tage des NS-Regimes in den Gemeinden sowie das Geschehen der Nachkriegszeit. Im Interview spricht Leiter Dr. Claudius Kienzle über eindrückliche Berichte, wie die Dokumente einzuordnen sind und was heutige und künftige Generationen aus den Kriegschroniken lernen können.

Dr. Claudius Kienzle, Leiter des Evangelischen Archivs Baden und Württemberg
Dr. Claudius Kienzle, Leiter des Evangelischen Archivs Baden und Württemberg

Gab es einen Bericht aus den Kriegschroniken, der Ihnen persönlich oder im Team besonders in Erinnerung geblieben ist?

Dr. Claudius Kienzle: Da ist eine Geschichte aus Brettheim. Hier war es nicht möglich, die Kapitulation friedlich zu organisieren. Die nahenden amerikanischen Truppen vor Augen, plädierten die meisten Volksturmangehörigen dafür, den Ort nicht zu verteidigen. Stattdessen wurden aus einem Nachbarort mit Panzerfäusten bewaffnete Hitlerjungen in Brettheim abgestellt. Mehrere Brettheimer Bürger wollten eine Zerstörung des Ortes verhindern, entwaffneten die Hitlerjungen kurzerhand und machten die Waffen unbrauchbar. Die Folge war, dass die SS am nächsten Tag den Anführer der Widerständigen zum Verhör abführte und – ebenso wie den Bürgermeister und NS-Ortsgruppenleiter, die sich für ihren Mitbürger eingesetzt hatten – öffentlich hängten. Doch dabei blieb es nicht. Die Leichen mussten vier Tage hängen bleiben. Am Ende resümierte der entsetzte Pfarrer Issler „Leider – so ist man versucht zu sagen – sind die Amerikaner 10 Tage zu spät eingerückt; zu uns wären sie wirklich als Befreier gekommen.“

Was unterscheidet die Kriegschroniken von anderen historischen Dokumenten aus dieser Zeit?

Dr. Kienzle: Kriegschroniken sind keine Behördendokumente. Sie sind also in lebendiger Sprache verfasst. Gleichwohl ist der Begriff „Chronik“ irreführend. Es geht nicht um eine historiografisch eindeutige Darstellung des Gewesenen. Die Position des Schreibenden – in der Regel des Pfarrers – bleibt als subjektive Stimme erkennbar. Sie spiegeln unterschiedliche Narrative wider. Nationale – etwa wenn etwa der Durchzug der geschlagenen Truppen geschildert wird; NS-kritische – etwa wenn im Nachhinein die NS-Verstrickungen der Dorfgesellschaft aufgedeckt werden; Rechtfertigende – etwa wenn diese Verstrickungen beschönigt werden; Rassistische – etwa wenn der Einzug der marokkanischen Soldaten entsprechend geschildert wird; Abgrenzende – etwa wenn auf die Ankunft von Flüchtlingen und Vertriebenen Bezug genommen wird, Erleichternde – wenn das Ende des Krieges positiv konnotiert wurde. Wichtig ist, dass es keine spontanen Schilderungen sind, sondern dass die Berichte auf ausdrückliche Aufforderung der Kirchenleitung verfasst wurden. Auch war ein Muster vorgegeben, worüber die Pfarrer berichten sollten.

Wie zuverlässig sind solche Aufzeichnungen?

Dr. Kienzle: Die Berichte wurden mit zeitlichem Abstand geschrieben. Manche schon 1947 manche auch erst Mitte der 1950er Jahre. Mitunter wurden sie von Pfarrern geschrieben, die bei Kriegsende gar nicht vor Ort waren. Gleichwohl haben sie eine hohe Aussagekraft. Ereignisse insbesondere beim Kriegsende werden verdichtet beschrieben, Deutungen sind in der Regel klar als solche erkennbar. Wenn man den Schilderungen zu der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg folgt und dem, was oft etwas undifferenziert „Zeit des Kirchenkampfs“ bezeichnet wurde, so muss man etwas kritischer feststellen, dass hier oft die Erzählung der „Intaktheit“ der kirchlichen Milieus, die sich in der Nachkriegszeit schnell in der württembergischen Landeskirche festsetzte, aufgegriffen wurde.

Welche Perspektiven kommen in diesen Chroniken besonders stark vor – und welche fehlen?

Dr. Kienzle: Viele Chroniken konzentrieren sich auf die Ereignisse der unmittelbaren Einnahme der Dörfer durch alliierte Soldaten. Nicht immer verlief diese gewaltfrei. Die Pfarrer nahmen dabei die seelsorgerliche Perspektive ein, die nahe bei ihren Kirchengemeindegliedern war. Zugleich wird oftmals auch der Pfarrer als Vertreter einer intakten und auf den ersten Blick nicht korrumpierten Institution thematisiert. Als einer, der die Kapitulation organisierte oder sich daran beteiligte, sinnlose Verteidigungskämpfe zu verhindern. Es gibt auch Pfarrer, die nicht nur den Einmarsch der fremden Soldaten oder die Fliegerangriffe im Krieg schildern. Diese Berichte erstrecken sich auf die gesamte NS-Zeit und thematisieren dann auch lokale Konflikte zwischen Kirche, Partei und Staat. Häufig sind Auflistungen der im Krieg getöteten Ortsbewohner zu finden.

Was können heutige Generationen aus Kriegschroniken lernen?

Dr. Kienzle: Kurz gesagt, dass Krieg ein schmutziges Geschäft ist. Dass Leid und Zerstörung, Gewalt und Hunger die Folgen sind. Lernen kann man auch, wie ideologische Verblendung den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdet. Dass dort, wo der Respekt vor anderen Menschen verloren geht, eine Enthemmtheit bei der Gewaltanwendung jeglicher Art die Folge ist. Sei es bei Vergewaltigungen, Plünderungen oder der Bekämpfung derer, die anderer Meinung sind. Was die Kriegschroniken dabei so eindrücklich macht. Jeder kann sehen, dass es im eigenen Dorf und in der eigenen Kirchengemeinde geschehen ist, geschehen kann. Das mag alles 80 Jahre her sein, aber durch diese lokale Verknüpfung ist es vielleicht realer als ein Fernsehbericht aus der Ukraine oder dem Nahen Osten. Lernen kann man aber auch, dass mutiges Eintreten für eine menschliche Gesellschaft, für einen Pragmatismus der Vernunft, für das, was wir heute zivilgesellschaftliche Verantwortung nennen, Wirkung zeigen kann.

Wurden oder werden die Kriegschroniken wissenschaftlich ausgewertet?

Dr. Kienzle: Seit der Online-Stellung ist uns kein Projekt bekannt geworden, in dem die universitäre Wissenschaft eine systematische Auswertung betreibt. Die Berichte werden aber regelmäßig für ortskirchengeschichtliche und heimatkundliche Beiträge verwendet. Sie eignen sich auch für Erzählcafés der kirchengemeindlichen Seniorenarbeit. Direkt erinnert wird die Kriegszeit bei den wenigsten noch möglich sein. Und wenn, dann bleibt da die kindliche Perspektive. Aber man kann ja abgleichen zwischen dem, was in der Gemeinde über die Jahre erzählt wurde, und dem, was der Pfarrer zu Papier gebracht hat.

Service und Information:

Die mit mehr als 7.000 Einzelaufnahmen vollständig digitalisierten „Kriegschroniken“ evangelischer Kirchengemeinden Württembergs stehen ab sofort im Online-Angebot des EABW zur kostenfreien Nutzung bereit. Mit Hilfe einer intuitiven Kartenansicht können dort alle Digitalisate der „Kriegschroniken“ schnell aufgefunden, eingesehen und bei Bedarf heruntergeladen werden. Die Kartenansicht ist hier zu erreichen.   

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