„Solidarität mit der Hamas oder der Hisbollah hilft nicht der Sache der Palästinenser. Das Gegenteil ist der Fall“

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl sprach in seinem Bericht vor der Landessynode unter anderem über die Situation und den zunehmenden Antisemitismus

Zu Beginn der Sommertagung der 17. Württembergischen Evangelischen Landessynode am 3. Juli 2026 im Evangelischen Bildungszentrum Hospitalhof Stuttgart hielt Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl seinen Bericht. Er ging eingangs auf die verschiedenen Polykrisen, das Wegbrechen vieler stabil geglaubter Sicherheiten sowie die Herausforderungen der Kirche ein. Gohl äußerte sich weiterhin zur Situation im Nahen Osten, der aktuellen Politik in Israel und dem zunehmenden Antisemitismus auch in Deutschland.

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl sprach in seinem Bericht auf der Sommersynode auch den zunehmenden Antisemitismus an.
Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl sprach in seinem Bericht auf der Sommersynode auch den zunehmenden Antisemitismus an.

Die Sorge, dass öffentliche Kritik der israelischen Politik den Antisemitismus hier in Deutschland verstärke und die jüdischen Gemeinden noch mehr angefeindet würden, sei mehr als berechtigt, so Gohl. Daher sei es richtig, wenn sich die Kirchen mit öffentlicher Bewertung zurückhielten. Gleichwohl sei die Verhärtung auf beiden Seiten des Nahost-Konflikts schwer erträglich und die politischen Akteure hätten kein Interesse an einer gerechten Lösung. Das Rahmenabkommen Libanon-Israel zeige deutlich: Auch der Libanon sei von der Hisbollah bedroht. Die derzeitige libanesische Regierung wolle eine andere Politik, werde aber im Stich gelassen. Auch die hierzulande bekundete Solidarität mit der Hamas oder der Hisbollah helfe der Sache der Palästinenser nicht.

Israel: Billigung von Gewalt und Zerstörung – und Protest gegen Regierung

In weiten Teilen der israelischen Öffentlichkeit sei die Sicht „wir gegen die“ in Folge des 7. Oktobers 2023 – dem Tag des Massakers in Israel durch die Terrororganisation Hamas – sehr verbreitet. Die Annexion wichtiger Gebiete im Osten des Ölbergs sei beschlossen und solle möglichst rasch vollzogen werden, was die Selbstbestimmung der Palästinenser weiter verhindere: „Das liegt ganz auf der Linie von Finanzminister Smotrich und Premier Netanjahu. Polizeiminister Ben Gvir verfolgt noch extremere Positionen: Er billigt die Gewalt durch vorwiegend junge Siedler. Sie bedrängen die palästinensische Bevölkerung, richten Zerstörungen an und nehmen dabei bewusst Verwundete und Tote in Kauf. Diese Gewalttäter nehmen oft auch keine Rücksicht auf wichtige Grundregeln der jüdischen Ethik der Tora, wie jüdische Gelehrte beklagen.“ Gohl betonte weiter, dass viele Menschen in Israel gegen die gewalttätige Politik der Regierung offen und lautstark protestierten. Gohl drückte außerdem die Verbundenheit mit den christlichen Geschwistern in Israel, den besetzen Gebieten und im Libanon aus. Die Landeskirche setze sich für sie ein.

Antisemitismus in Deutschland hat in unvorstellbarem Maße zugenommen

Der 7. Oktober 2023 habe eine beispiellose Fülle von Gewalt und Gegengewalt produziert, die nicht nur die Lage im Nahen Osten, sondern auch hier bei uns präge. Gohl rief zur Solidarität mit den jüdischen Gemeinden auf: Der Antisemitismus habe auch hier in einem Maße zugenommen, das er nicht für möglich gehalten habe, vonseiten der extremen Rechten ebenso wie linker Kreise, „die postkolonialen Thesen in einer moralischen Selbstüberhöhung gegen Isael wenden“, und auch die Gefahr des islamischen Antisemitismus dürfe nicht unterschätzt werden.

Gohl schloss daraus, dass die Kirchen die neu aufgebauten Beziehungen zur jüdischen Gemeinde bewahren müssten, und betonte das Verbindende - die Hebräische Bibel und Jesus als Jude. „Verlernt“ werden müsse die lange Geschichte der Judenfeindlichkeit.

Der Landesbischof bezog in seinem Bericht unter anderem Stellung zu dem Prinzip der Spielräume nach dem Soziologen Hartmut Rosa, zur Stärkung der Demokratie und zu Künstlicher Intelligenz. Den vollständigen Bischofsbericht finden Sie hier.

 

Im Folgenden finden Sie die Passage zum Nahost-Konflikt aus dem Bischofsbericht im Volltext:

„Ein Wort zu Israel: Die dramatische Situation im Iran, in Gaza, im Libanon und nicht zuletzt in Israel selbst stehen seit Beginn des Iran-Krieges im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit. Mich bewegt diese Situation sehr. Aus zahlreichen Kommentaren, E-Mails und Briefen weiß ich, dass es vielen so geht. Der 7. Oktober 2023 hat nicht nur die Menschen in Israel in nie für möglich gehaltener Weise verletzbar gezeigt. Die Dimension wird deutlich, wenn wir die 1.200 Ermordeten ins Verhältnis zur Gesamtbevölkerung in Israel setzen. Auf unsere Gesamtbevölkerung entspräche das einem Attentat mit 10.300 Toten. Und wenn wir uns an die Fassungslosigkeit und Wut nach dem Attentat auf dem Breitscheidplatz in Berlin kurz vor Weihnachten 2016 mit 17 Toten erinnern, können wir vielleicht ansatzweise nachfühlen, was der 7.10.23 für dieses viel kleiner Land mit seiner ganz besonderen Geschichte bedeutet haben mag. Jede Familie hat ein Opfer zu beklagen oder kennt jemanden, der ermordet wurde. Der 7. Oktober 23 hat eine Fülle von Gewalt und Gegengewalt produziert. Sie prägen nicht nur die Lage im Nahen Osten, sondern auch bei uns. Der Antisemitismus hat auch bei uns in einem Maße zugenommen, den ich nicht für möglich gehalten hätte. Schamlos offen bei der extremen Rechten, die wieder die alten Verschwörungsmythen bedient. Aber ebenso in linken Kreisen, welche postkoloniale Thesen in einer moralischen Selbstüberhöhung gegen Isael wenden.20 Dasselbe gilt auch für den islamischen Antisemitismus. Die jüdischen Gemeinden brauchen deshalb unsere Solidarität mehr denn je!

Was mich so bedrückt, ist der Eindruck ist, dass die derzeit politischen Akteure kein Interesse an einer gerechten Lösung des Nahhostkonflikts haben. Aus israelischer Sicht konsolidiert die Hamas ihre Macht. Sie legt ihre Waffen nicht nieder. Das Rahmenabkommen Libanon-Israel macht mehr als deutlich: Auch der Staat Libanon ist von der Hisbollah bedroht. Die derzeitige libanesische Regierung will eine andere Politik, wird aber im Stich gelassen. Deshalb: Solidarität mit der Hamas oder der Hisbollah hilft nicht der Sache der Palästinenser. Das Gegenteil ist der Fall. Der Sache der Palästinenser helfen die, die sich mutig der Hamas und der Hisbollah entgegenstellen. Sie brauchen unsere Unterstützung.

In weiten Teilen der israelischen Öffentlichkeit ist die Sicht „wir“ gegen „die“ in Folge des 7. Oktobers sehr verbreitet. Die Annexion eines wichtigen Teils von Gebieten im Osten des Ölbergs ist beschlossen. Sie soll möglichst rasch vollzogen werden – was die Selbstbestimmung der Palästinenser weiter verhindern wird. Das liegt ganz auf der Linie von Finanzminister Smotrich und Premier Netanjahu. Polizeiminister Ben Gvir verfolgt noch extremere Positionen: Er billigt die Gewalt durch vorwiegend junge Siedler. Sie bedrängen die palästinensische Bevölkerung, richten Zerstörungen an und nehmen dabei bewusst Verwundete und Tote in Kauf. Diese Gewalttäter nehmen oft auch keine Rücksicht auf wichtige Grundregeln der jüdischen Ethik der Tora, wie jüdische Gelehrte beklagen.

Ich find es wichtig wahrzunehmen, dass es viele Menschen in Israel gibt, die gegen diese gewalttätige Politik der Regierung offen und lautstark protestieren. Zugleich finde ich es richtig, wenn die Kirchen sich im Blick auf eigene Bewertungen in der Öffentlichkeit zurückhalten. Die Sorge, dass öffentliche Kritik der israelischen Politik den Antisemitismus hier in Deutschland verstärkt, und die jüdischen Gemeinden noch mehr angefeindet werden, ist mehr als berechtigt.

Ebenso richtig finde ich aber auch, dass Angriffe auf Repräsentanten der christlichen Gemeinden in Jerusalem, wie etwa der Angriff auf die Schwester in Jerusalem, der in einem Video dokumentiert wurde und auch Angriffe auf Symbole und Gebäude christlicher Gemeinschaften (z. B. im Südlibanon) deutlich verurteilt werden. Dies wird auch von den Rabbinern und Vorstandsmitgliedern offen angesprochen. Diese Angriffe bedrohen die guten Beziehungen zwischen den Religionen grundsätzlich. Hass löst keine Probleme.

Die Verbundenheit mit den Gemeinschaften in der Diaspora kennt die jüdische Seite selbst. Deshalb kann sie nachfühlen, dass wir aufgrund unserer Verbundenheit mit den christlichen Geschwistern in Israel, den besetzen Gebieten und im Libanon auch um deren Wohl besorgt sind und uns für sie einsetzen. Kritik sollte allerdings konkret sein, die kritisierte Seite nicht in Bausch und Bogen verurteilen und immer auch das Verbindende im Blick haben.

Ich denke aber, dass es ohne den 7. Oktober diese Entwicklungen in der israelischen Politik nicht gegeben hätte. Das entschuldigt nicht die Reaktionen, die in Kauf nehmen, dass die Gegenwehr auch Menschen trifft, die ohne eigenes Zutun selbst zu Opfer werden. Ebenso schwer erträglich ist die Verhärtung auf beiden Seiten, die angesichts der eigenen innerlichen Zerrüttung keine Kraft bzw. Empathie für das Leid der Gegenseite aufbringt.

Zugleich wächst aber auch das Bewusstsein von vielen Menschen in Israel, nichtjüdisch wie jüdisch, wie wichtig eine Koexistenz für die Gesellschaft des Landes ist und setzten sich auch dafür ein. Für die Lebendigkeit und Vielfalt bürgerschaftlichen Engagements sprechen die unterschiedlichen Initiativen, die sich immer wieder – auch unter härtesten Bedingungen bis hin zu offener Infragestellung bzw. Anfeindung – neu konstituieren.

Mich beeindrucken Initiativen wie „Parents Circle“21. Seit 30 Jahren kommen israelische und palästinische Familien zusammen, die durch Terror und Krieg enge Angehörige verloren haben. Trotz ihres tragischen Verlustes setzen sie nicht auf Vergeltung oder Rache, sondern auf Dialog, um die Gewalt durch das gemeinsame Trauern zu überwinden – „Sie alle sind unsere Kinder“22 – und so Frieden und Gerechtigkeit zu schaffen.

Zu den Christen in Israel, den besetzten Gebieten, dem Libanon und Jordanien haben wir als Ev. Kirche eine direkte geschwisterliche Beziehung. Diese Verbindung ist uns durch unseren gemeinsamen Glauben geben und sie besteht – auch wenn von unseren Geschwistern dort, oft unsere fehlende Solidarität und unser Schweigen beklagt wird.

Auf der anderen Seite steht die Geschichte der christlichen Kirche mit ihrer langen Tradition der Judenfeindlichkeit und schrecklichen Verbrechen. Deshalb müssen wir die wieder neu entdeckten und gewonnenen Beziehungen zur jüdischen Gemeinde bewahren und zum Bewusstsein bringen, was uns als Kirche mit ihr in der Tiefe verbindet: Die Hebräische Bibel. Jesus als Jude. Die Kirchengeschichte als eine lange Geschichte der Judenfeindlichkeit müssen wir dagegen ‚verlernen‘.“

 

 

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