16.09.2025

Unternehmerisches Denken in der Kirchengemeinde

Interview mit Pfarrer Oliver Römisch

Für Pfarrer Oliver Römisch aus Ditzingen gehen unternehmerisches und theologisches Denken in seiner Gemeindeleitung Hand in Hand. Wir haben ihn gefragt, wie er und seine Gemeinde mit schrumpfenden Ressourcen umgeht und dabei die Gemeinde weiterentwickelt. 

Pfarrer Oliver Römisch, Ditzingen
Pfarrer Oliver Römisch, Ditzingen

„Solange unternehmerisches Denken im Geist des Evangeliums geschieht – also Nächstenliebe, Güte, Barmherzigkeit, Vergebung usw. die Wachstumsgrößen sind –, solange können alle Bereiche und Themen damit angegangen werden.“

Die Kirchen in Deutschland fahren in unruhigem Wasser. Austritte und die demographische Entwicklung lassen die Ressourcen schrumpfen, mit denen die Kirchen im Großen wie auch die Gemeinden vor Ort arbeiten können. Wie erleben Sie als Geschäftsführender Pfarrer einer großen Gemeinde diese Entwicklung?

Römisch: Die weniger werdenden Ressourcen haben zahlreiche Optimierungsprozesse in unserer Landeskirche angestoßen: Digitalisierung, Einführung der Regionalverwaltung, Umstellung auf Doppik, Gebäudemanagement (OIKOS), Pfarrpläne usw. Einerseits belasten und überfordern diese Prozesse sowohl mich als auch viele Angestellte und Ehrenamtliche. Andererseits entstehen dadurch auch Freiräume und Möglichkeiten.

In meiner Gemeinde haben wir in den letzten drei Jahren die Freiräume und Möglichkeiten genutzt und einiges verändert. Das war anstrengend und für manche schmerzlich. Doch jetzt sehen wir die ersten Erfolge unserer zielgerichteten Maßnahmen. So haben wir beispielsweise in unserer Waldheimarbeit viel angepasst, weil wir ein großes Defizit hatten: Gebühren erhöht, neue Fördermittel erschlossen, Gesamtleitung auf ehrenamtliche Beine gestellt, Anmeldung digitalisiert u. a. In der Folge ist das Defizit verschwunden und wir können sogar zum ersten Mal realistische Rücklagen für das Gebäude zurückstellen. Das Waldheim kann sich nun finanziell selbst tragen. Als Bonus haben einige Ehrenamtliche gesagt: „Wir wollen mehr für das Waldheim! “, und haben selbständig einen Förderverein als e. V. gegründet. Solche erfolgreichen Veränderungen motivieren die Beteiligten und geben neue Kraft für das, was gerade anstrengend und mühsam ist.  

Können Sie den rückläufigen Entwicklungen auch Gutes für die Menschen und für die Gemeinden abgewinnen?

Römisch: Mit jedem Austritt, mit jeder schlecht besuchten Veranstaltung, mit jedem fehlenden Engagement geben uns Menschen eine Rückmeldung: „Das, was ihr als Kirchengemeinde seid, was ihr macht und wie ihr es macht, spricht uns nicht an!“ Wenn wir diese Rückmeldungen ernst nehmen, zuhören und unser Handeln daran anpassen, dann können die rückläufigen Entwicklungen etwas zum Guten in unseren Gemeinden verändern. Unser Auftrag besteht doch darin, die Menschen mit dem Evangelium zu erreichen und anzusprechen. Wie können wir weitermachen wie bisher, wenn das mit unseren Angeboten und „der Art und Weise wie wir Kirchengemeinde sind“ immer weniger gelingt?  

Wie können sich Kirchengemeinden an diese Entwicklungen anpassen?

Römisch: Ich halte es für entscheidend, dass Kirchengemeinden alle 6 Jahre (nach der Wahl eines neuen KGRs) über eine Frage intensiv nachdenken: „Wie wollen wir zukünftig Kirchengemeinde für die Menschen in unserem Ort sein?“ Jede Kirchengemeinde braucht ein Zukunftsbild von sich, auf das sie mit ihrem Handeln und ihren Entscheidungen zuläuft. In diesem Zukunftsbild steckt immer auch eine Vorstellung davon, wie man sich als Kirchengemeinde versteht, was der von Gott gegeben Auftrag vor Ort ist, und wie man sich dahin entwickeln will. Nur wer weiß, wo es hingeht, kann auch bewusst Ressourcenentscheidungen treffen. Nur der kann Menschen für Projekte und Ziele gewinnen und zusätzliches Geld oder zusätzliche Zeit einwerben. Nur der probiert und wagt Neues und ist bereit so lange zu scheitern, bis er eine Entwicklung sieht.

Damit Gemeinde sich entwickelt, muss sie wissen, wohin sie sich entwickeln will. Dieses wohin ist dabei nichts, was in alle Ewigkeit gilt. Für mich ist es ein organisches, wachsendes, in der Gemeinschaft der Glaubenden immer wieder neu zu findendes wohin.  

Welche Faktoren müssen Kirchengemeinden stärken oder auch erst entwickeln, um trotz geringerer Ressourcen lebendig zu bleiben oder gar gegen den Trend zu wachsen?

Römisch: Die Menschen verlassen sich heute weniger auf Institutionen, aber sie hören weiterhin anderen Menschen zu. Als Kirchengemeinde brauchen wir mehr Gemeindeglieder, die ihren Glauben überzeugend leben, für ihn eintreten und von ihm im Alltag sprechen. In den sozialen Medien spricht man von Influencern („Beeinflussern“). Diejenigen, die begeistert sind von etwas. Die von etwas verständlich, einfach und überzeugt reden und dazu einladen es auszuprobieren. Als Kirchengemeinden müssen wir Wege suchen, um diese spirituelle Entwicklung hin zu einem mündigen, sprachfähigen und überzeugten Nachfolger von Jesus Christus zu fördern.  

Ein weiterer zentraler Faktor, um trotz geringerer Ressourcen lebendig zu bleiben und sich als Kirchengemeinde zu entwickeln, steckt im englischen Wort „resourcefulness“. Zu dt. etwa Einfallsreichtum, Kreativität, Elan, Innovationskraft. Werden Sie in der Kirchengemeinde kreativ. Wagen Sie etwas Neues. Probieren Sie neue Wege aus. Dann werden Sie erleben, wie Ihnen plötzlich Ressourcen zufliegen.  

Konzentrieren Sie sich außerdem mehr auf die Bereiche in ihrer Kirchengemeinde, die gut laufen, wo etwas klappt, wo eine Idee erfolgreich ist. Fragen Sie: Was kann ich noch daraus machen? Wobei kann mir das noch helfen und gut wirken? Verfolgen sie die Grundsätze: „Stärken stärken“ und „Klotzen nicht kleckern“; setzen Sie Schwerpunkte mit ihren Ressourcen, und zwar da wo es läuft, und etwas geht.  

Dazu wieder ein Gemeindebeispiel: Wir haben uns letztes Jahr normale Haushaltsroboter zum Saugen und Wischen der Böden für die Kirche und für das Gemeindehaus angeschafft. Die Hälfte der Kosten hat der Innovationsfonds unseres Kirchenbezirks getragen. Das spart uns jetzt jede Woche etwas Zeit, weil unser Mesner und unsere Hausmeisterin die Böden nun seltener putzen müssen. Die gewonnene Zeit setzten sie an anderer Stelle ein. Da wir uns sowieso gerade mit dem Gemeindehaus beschäftigt haben, haben wir unsere Mietordnungen, Mietgebühren und unsere Homepage überarbeitet. Jetzt gibt es auf der Homepage einen informativen Bereich, was das Gemeindehaus bietet und wie man das Gemeindehaus mieten kann. Dadurch haben wir die Anzahl der Vermietungen in unserem Gemeindehaus erhöht.

Das verstärkt den Effekt der Staubsaugerroboter. Wir sparen uns noch mehr Zeit fürs Putzen und erhöhen gleichzeitig unsere Einnahmen. Diese fließen in die Gebäuderücklagen oder können andere Angebote und neue Ideen finanzieren.

Wo man eine Vorstellung vom „Wohin“ hat, und dann mit „Ressourcefulness“ an die Sache herangeht, Schwerpunkte setzt und Stärken stärkt, da werden sich Erfolge einstellen. Und das schafft dann den Nährboden für weitere Ideen und die Bereitschaft, mit seiner Kreativität auch mal auf die Nase zu fallen. Das verändert am Ende die Haltung und Gemeinde entwickelt sich.  

Können Gemeinden von der Wirtschaft lernen?

Römisch: Ja, in vielen Bereichen. Aktuell können wir von der Wirtschaft lernen, wie man mit Krisen umgehen kann und sich neu aufstellt.  

Wenn ein Unternehmen in der Wirtschaft in eine Krise gerät, überdenkt es seine Strategie, seine Struktur, seine Angebote. Es weiß, dass es sich neu aufstellen muss. Ansonsten verschwindet es vom Markt. Auch unsere Kirche und viele Kirchengemeinden befinden sich teilweise in einer Krise. Die Gelder werden weniger, Ehrenamtliche werden weniger, der Gottesdienstbesuch nimmt ab usw.  

Passiert so eine Krise einem sehr jungen Unternehmen, einem sogenannten Start-up, versuchen sie ihr Geschäftsmodelle sehr schnell der neuen Entwicklung oder Situation anzupassen. Das Modell wird dabei nicht neu erfunden, sondern an den wirklichen Bedarf einer konkreten Zielgruppe angepasst. Man spricht dann von einem „Pivot“ einem „Drehpunkt“ für das Unternehmen. Ein berühmtes Beispiel: Instagram. Das Unternehmen hieß früher Burbn und war eine Check-In-Plattform mit Gaming-Elementen (so in etwa). Dabei erkannte ein Mitgründer, dass die Fotoshare-Funktion der Plattform am meisten genutzt wurde, und so wurde an diesem Drehpunkt das Unternehmen zu Instagram weiterentwickelt.  

Ich denke, dass wir als Kirche die beste Botschaft der Welt haben. Doch mit unserem „Geschäftsmodell“ – also der Art und Weise, wie wir Kirche sind – agieren wir inzwischen am Bedarf vieler Menschen vorbei. Wir müssen uns endlich an den wirklichen Bedarf vor Ort und an die konkreten Menschen anpassen. Eine Frage könnte z. B. lauten: „Was läuft bei uns sehr gut und warum? Gibt es da einen Drehpunkt, um uns als Kirchengemeinde neu auszurichten?  

Inwiefern orientieren Sie selbst sich in Ihrer Art der Gemeindeleitung an unternehmerischem Denken?  

Römisch: Bei mir gehen unternehmerisches Denken und theologisches Denken in meiner Gemeindeleitung Hand in Hand. Ich war zwei Jahre lang auf einer Wirtschaftsschule und drei Jahre auf einem Wirtschaftsgymnasium; und fast genauso lange habe ich Theologie studiert.  

Gibt es auch Bereiche oder Themen, bei denen Sie sagen würden, diese darf man nicht mit unternehmerischem Denken angehen?

Römisch: Solange unternehmerisches Denken im Geist des Evangeliums geschieht – also Nächstenliebe, Güte, Barmherzigkeit, Vergebung usw. die Wachstumsgrößen sind –, solange können alle Bereiche und Themen damit angegangen werden. Ist der Geist des Evangeliums nicht leitend, so hilft uns kein Denken der Welt dabei, unsere Mission, als Kirchengemeinde zu erfüllen.  

Hinweis für Kirchengemeinden

Kirchengemeinden sind herzlich eingeladen, Texte wie diesen von www.elk-wue.de in ihren eigenen Publikationen zu verwenden, zum Beispiel in Gemeindebriefen. Sollten Sie dabei auch die zugehörigen Bilder nutzen wollen, bitten wir Sie, per Mail an kontaktdontospamme@gowaway.elk-wue.de nachzufragen, ob die Nutzungsrechte für den jeweiligen Zweck vorliegen. Gerne können Sie alle Bilder nutzen, die Sie im Pressebereich unserer Webseite finden. Sie möchten in Ihrem Schaukasten auf unsere Webseite verlinken? Hier erfahren Sie, wie Sie dafür einen QR-Code erstellen können. 

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